Frugalisten reduzieren ihren Konsum auf das Wesentliche, versuchen klug zu investieren und hinterfragen jede Ausgabe. Doch wie lebt es sich wirklich mit absoluter Sparsamkeit, Verzicht und in einer kleinen Wohnung? In diesem Artikel zeigen wir echte Beispiele aus Deutschland – mit Zahlen, Strategien und der Frage: Ist Frugalismus ein realistisches Lebensmodell und funktioniert es wirklich?
6 deutsche Frugalisten und ihre Strategien & Finanzen

Name | Sparquote + Finanzen | Aktuelles Vermögen/Depotwert | Blog/Website | |
---|---|---|---|---|
Linda Urban | ~1 200 € Haushaltsbudget (950 € geschäftlich + 250 € Kindergeld) | (nicht veröffentlicht) | / | ![]() |
Sebastian Voss | Sparquote ~60–70 % seines Lehrer-Einkommens (rund 900–1 100 € monatlich) | (nicht veröffentlicht) | frugalzumglueck.com (nicht mehr aktiv) | ![]() |
Oliver Noelting | Sparquote ca. 60 % → netto: 1 400–1500 € Sparrate im Monat, Familie lebt von 2900 € | 235.000 € | frugalisten.de | ![]() |
Florian Wagner | Nettoeinkommen ~6 000 €/Monat, Spart ~4 500 € → Sparquote ~60 – 75 % | 460.000 €; Ziel‑Wohlfühlsumme 1,5–2 Mio € | geldschnurrbart.de | ![]() |
Manuel Streifeneder | Lebt von ~1 770 €/Monat; Rendite ~15,7 % p.a. | 350 000–410 000 € Depotwert | DerFinanznomade | ![]() |
Lars Hattwig | Spart bis zu 70 %, lebte zeitweise von nur 200 €/Monat; heute: ~2 000 €/Monat aus Investments | (nicht in € konkret benannt; beruft sich auf passives Einkommen) | lars-hattwig.com | ![]() |
Frugalismus: Erfolgsmodell oder Selbstbetrug? Beispiele aus der Praxis
Linda Urban
Die 39-jährige Selbstständige mit Familie betreibt auf YouTube (ehemals „Finanzielle Freiheit in 5 Jahren“, heute „Linda“) einen sehr transparenten Einblick in ihre Finanzen und ihren minimalistischen Lebensstil – dokumentiert seit etwa vier Jahren, seit sie sich der FIRE-/Frugalismus-Bewegung zugehörig fühlt.
Strategie & Sparen: Sie lebt ohne Auto und Konsumkredite, in einer besonders günstigen 3-Zimmer-Wohnung (ca. 56 m²), nutzt minimalistische Einrichtung ohne Luxusgegenstände, verzichtet auf Fernsehen, Deko oder überflüssige Abos. Konsumwünsche hält sie bewusst gering.
Finanzen (Stand Okt. 2023): Sie entnimmt monatlich 950 € vom Geschäftskonto plus 250 € Kindergeld, also insgesamt 1.200 € Haushaltsbudget für sich, Partner und Kind. Fixkosten sind sehr niedrig und eng kalkuliert. Sie betont, nicht in Verzicht zu leben, sondern wohlüberlegt das zu konsumieren, was wirklich zählt.
Sebastian Voss
Strategie & Sparen: Sebastian ist Lehrer und veröffentlicht unter dem Namen „Frugal zum Glück“ Einblicke in sein Leben und Sparsystem. Sein Fokus liegt auf maximaler Sparquote durch Minimalismus: Er kocht fast ausschließlich selbst, nutzt Foodsharing, meidet Werbung und saisonale Anschaffungen, kauft fast ausschließlich gebraucht und ohne Marke. Besonders prägnant ist: Er dokumentiert penibel jede Ausgabe im Haushaltsbuch und setzt bewusst Prioritäten – Nutzen über Konsum steht im Mittelpunkt.
Finanzen: Er spart zwischen 900 € und 1.100 € im Monat, was etwa zwei Dritteln seines Nettoeinkommens entspricht, bei einem Nettogehalt von rund 1.600 € bis 1.700 €. Sein Vermögen wächst mit dieser Strategie kontinuierlich: Bereits nach wenigen Jahren führt das zu einem sechsstelligen Depotwert. Er betont, dass er sich dabei keinesfalls eingeschränkt fühlt – vielmehr empfindet er ein bewusstes, erfülltes Leben.
Oliver Noelting
Strategie & Sparen: Oliver lebt mit seiner Familie in 69 Quadratmeter großen Wohnung für 670 Euro Miete, verzichtet auf Luxus und Statussymbole, kauft überwiegend gebraucht und achtet auf eine äußerst sparsame Lebensführung: Fahrrad statt Auto, vegetarische Ernährung, Nutzung von Foodsharing, Reparaturen statt Neukäufe. Seit 2013 dokumentiert er jede Ausgabe in einem Haushaltsbuch – bewusstes Konsumverhalten steht im Zentrum seiner Strategie.
Sein Ansatz ist frugal, nicht knauserig: Urlaube, Kinobesuche oder Zeit mit Freunden sind willkommen, aber bewusst geplant und kostenbewusst gestaltet.
Finanzen: Finanziell spart er etwa 60 % seines Nettoeinkommens – bei einem Gehalt von circa 2.300 € netto bedeutet das eine monatliche Sparrate von 1.400–1.500 €, bei Ausgaben von rund 800 € inklusive Miete und Lebenshaltungskosten.
Vermögen: Dieses liegt aktuell bei etwa 235.000 €, investiert über ETFs in Aktien-, Rohstoff- und Anleihenmischung. Sein ursprüngliches Ziel, mit etwa 400.000 € (nach der 25-fach-Regel) bei 40 finanziell unabhängig zu sein, hat sich durch Lebensänderungen (Kinder, reduzierte Arbeitszeit) angepasst – nun steht Balance und Lebensqualität im Fokus
Florian Wagner
Strategie & Sparen: Florian, ein studierter Wirtschaftsingenieur geb. 1987, lebt den Frugalismus mit dem erklärten Ziel: „Rente mit 40“. Er setzt auf konsequente Entkopplung von steigendem Einkommen und Ausgaben. Seit seinem Berufsstart hat er seine Komfortzone überdacht: Fahrrad statt U-Bahn, selbst kochen statt Fast Food, gezielter Konsum und ein 30-Tage-Wartezeit-Regel bei größeren Käufen. Er betont, dass Sparen für ihn kein Krampf, sondern ein Mittel zur Lebensqualität ist. Verzichtsentscheidungen trifft er nur dort, wo sie kein Unglück bringen – er genießt bewusst saisonale Freizeitaktivitäten, Restaurants und soziale Kontakte.
Finanzen: Er lag 2024 bei einem Nettoeinkommen von etwa 6.000 € im Monat, wovon rund 4.500 € gespart werden – eine Sparquote von 75 %.
Vermögen: Dieses beträgt aktuell etwa 460.000 €–480.000 €, mit einem Ziel (nach der 4-Prozent-Regel) von rund 500.000 €, später sogar eine Zufriedenheits-Wohlfühlsumme von 1,5–2 Millionen €.
Manuel Streifeneder
Strategie & Sparen: Manuel ist inzwischen finanziell unabhängig mit Mitte 30 und lebt bequem von seinem passiven Einkommen. Er investiert konsequent in ETFs und Optionshandel und erzielt laut eigenen Angaben eine jährliche Rendite von etwa 15,7 %.
Sein Depot beträgt aktuell rund 410.000 € (Business Insider nennt auch annähernd 400–410 Tsd. €).
Sein monatliches Leben finanziert er mit rund 1.770 €, deckt damit alle Ausgaben und genießt dennoch Freizeit ohne Konsumzwang. Budget-Apps, Vertragsoptimierung und regelmäßige Ausgabenkontrollen sind zentrale Bestandteile seiner finanziellen Disziplin.
Für mich geht es beim Frugalismus nicht darum, möglichst viel zu sparen und keinerlei Ausgaben mehr zu tätigen. Stattdessen sollte man in sich gehen und überlegen, welche Ausgaben wirklich (möglichst langfristige) Freude hervorrufen. Dort darf man dann gerne Geld (auch viel) ausgeben, bei allem anderen dagegen spart man.
Lars Hattwig
Strategie & Sparen: Lars begann seinen Weg nach 2008 mit dem Verlust seines Vermögens, was ihn zum Frugalismus führte. Er spart in Spitzenzeiten bis zu 70 % seines Einkommens.
In seiner Phase als Extrem-Sparer lebte er sogar von nur 200 € pro Monat, isolierte Ausgaben auf das Nötigste – LED-Lampen, günstige Lebensmittel, keine neue Kleidung.
Finanzen: Heute bezieht Lars rund 2.000 € monatlich aus Investments und selbständiger Geldarbeit, ohne sich eingeschränkt zu fühlen. Sein Vermögen wuchs kontinuierlich; er erreichte finanzielle Unabhängigkeit etwa mit Anfang 40 und lebt seitdem von seinem passiven Einkommen und eigenen Aktivitäten (Blog, Seminare).
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Frugalismus Fazit
Frugalismus ermöglicht beeindruckende Sparquoten von 60 % bis 80 % des Nettoeinkommens, wie Beispiele von Frugalisten wie Sebastian Voss zeigen. Allerdings ist dieses Lebensmodell nicht für alle gleichermaßen realistisch: Wer nur wenig verdient oder keinen finanziellen Spielraum hat, kann davon oft nur begrenzt profitieren. Entscheidend ist daher ein kluger Umgang mit Geld ohne radikalen Verzicht – viele Frugalisten betonen, dass es ihnen nicht um Einschränkung geht, sondern um mehr Selbstbestimmung und Lebensqualität.
FIRE & Frugalismus – Die Formel hinter der Bewegung
Doch wie lebt es sich wirklich mit absoluter Sparsamkeit, Verzicht und in einer kleinen Wohnung? FIRE steht für „Financial Independence, Retire Early“, also „finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand“. Die Idee dahinter: Wer heute sehr sparsam lebt und einen großen Teil seines Einkommens investiert, kann sich ein Vermögen aufbauen, das ihm später ein Leben ohne Erwerbsarbeit ermöglicht – oft schon vor dem traditionellen Rentenalter.
Die Fire-Formel lautet:
Jährlicher Bedarf × 25 = Zielvermögen für finanzielle Unabhängigkeit
Frugalismus Fire Beispielrechnung:
Wenn du 20.000 € im Jahr brauchst, liegt dein Zielvermögen bei:
20.000 € × 25 = 500.000 €
Die 4%-Regel – So viel darfst du entnehmen
Die 4%-Regel stammt aus der Trinity Study (USA, 1998) und besagt:
Du kannst jährlich 4 % deines angesparten Vermögens entnehmen, ohne es über 30 Jahre aufzubrauchen – vorausgesetzt, es ist breit gestreut (z. B. in Aktien/ETFs) investiert.
Das heißt:
Bei einem Vermögen von 500.000 € könntest du dir 20.000 € jährlich (1.667 €/Monat) entnehmen.
Wichtig:
Die 4 % gelten als Startentnahme im 1. Jahr, danach passt man die Summe an die Inflation an.
In Deutschland (z. B. mit Steuerlast, längerer Ruhestandsdauer oder schwankenden Renditen) wird oft mit 3 bis 3,5 % gerechnet, um sicherer zu planen.
Fazit
Frugalisten nutzen die FIRE-Formel und die 4%-Regel, um konkret zu berechnen, wann sie finanziell frei sein können. Die Kombination aus hoher Sparquote, diszipliniertem Lebensstil und langfristigem Investieren macht das Konzept tragfähig – auch bei mittleren Einkommen.
clever sparen – Wo gibt es bei den Ausgaben das größte Einsparpotenzial?
Einsparpotenzial | Prozent |
---|---|
Lebensmittel | 37 % |
Freizeitaktivitäten (Kino, Party, Museum) | 34 % |
Restaurantbesuche | 34 % |
Kleidung | 31 % |
Urlaube/Reisen | 29 % |
Abonnements/Mitgliedschaften (z B. Streaming, Fitness) | 27 % |
Mobilität (Auto, ÖPNV) | 20 % |
Wellness & Pflege (Sauna, Kosmetik) | 19 % |
Energiekosten (Strom, Gas) | 19 % |
Wohnen (Miete, Nebenkosten) | 19 % |
Versicherungen | 18 % |
Telekommunikation (Handy, Internet) | 14 % |
Bildung & Weiterbildung | 10 % |
Quelle: Umfrage „Wo sehen Sie bei Ihren Ausgaben das größte Einsparpotenzial?“, Blog der Württembergischen Versicherung, Stand: 2024
Fazit: Frugalismus – Finanz- und Lebensstrategie mit Potenzial?
Frugalismus ist weit mehr als nur Sparsamkeit – es ist eine Lebensphilosophie, die Konsum hinterfragt und finanzielle Unabhängigkeit in den Mittelpunkt stellt. Wer es schafft, mit deutlich weniger Geld auszukommen, kann sich schneller ein Vermögen aufbauen, freier über seine Zeit verfügen und selbst bestimmt leben – oft ohne auf Lebensqualität zu verzichten. Die Kombination aus hoher Sparquote, bewussten Ausgaben und langfristiger Geldanlage (z. B. in ETFs) macht Frugalismus zu einer konkreten Strategie, um sich vom „Hamsterrad“ zu lösen.
Stärken des Frugalismus
Frühe finanzielle Freiheit: Durch geringe Ausgaben und diszipliniertes Sparen kann man sich mit 40 oder 50 zur Ruhe setzen.
Selbstbestimmung statt Konsumzwang: Frugalisten entscheiden bewusst, wofür sie Geld ausgeben – nicht aus Geiz, sondern aus Werteorientierung.
Stressabbau: Wer keine Schulden hat und nicht auf jeden Euro angewiesen ist, lebt entspannter.
Nachhaltigkeit: Der reduzierte Konsum ist oft auch ökologisch sinnvoll – weniger Ressourcenverbrauch, mehr Minimalismus.
Nachteile und Risiken des Frugalismus
Soziale Isolation: Wer aus Spargründen Einladungen, Urlaube oder Freizeitaktivitäten meidet, läuft Gefahr, sich vom sozialen Leben abzukoppeln.
Lebensqualität kann leiden: Zu radikaler Verzicht kann ins Gegenteil umschlagen – aus Kontrolle wird Mangelgefühl oder sogar Verzicht auf Gesundheit (z. B. Ernährung, Arztbesuche).
Fehleinschätzungen in der Planung: Inflation, Börsenkrisen, Steuern oder längere Lebensdauer können das Zielvermögen entwerten – die 4 %-Regel ist keine Garantie. Realistischer ist die 3 %-Regel.
Nicht für alle Einkommensgruppen realistisch: Wer wenig verdient oder hohe Fixkosten hat, kann kaum 50–70 % sparen – Frugalismus bleibt dann ein theoretisches Ideal.
Alternativen & Varianten
Frugalismus muss nicht „alles oder nichts“ bedeuten. Alternativen und Mischformen bieten oft mehr Flexibilität:
Slow FI: Statt früher Rente wird auf finanzielle Gelassenheit und reduzierte Erwerbszeit gesetzt – z. B. 3-Tage-Woche mit Rücklagen.
Coasting FI: Früh viel sparen, später nur noch so viel arbeiten, wie nötig – ohne Angst vor Altersarmut.
Barista FI: Früh finanziell halb-unabhängig werden, dann in Teilzeit oder sinnstiftender Beschäftigung (z. B. Café, NGO).
Life-Centered Investing: Geldanlage mit Fokus auf Lebensqualität statt reinem Kapitalziel – Lebensphasen, Familie, Werte stehen im Zentrum.
Quellen:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/rente-mit-40-ist-das-konzept-des-frugalismus-gescheitert-a-da0a38a3-e214-4643-97b8-23b5a5531551
https://www.finanzfluss.de/blog/frugalismus/
https://podcasts.apple.com/us/podcast/201-finanziell-frei-durch-frugalismus-interview-mit/id1489037467?i=1000528926337
https://www.businessinsider.de/wirtschaft/finanzen/ich-habe-keine-lust-mich-jeden-tag-durch-prospekte-zu-wuehlen-so-gibt-super-sparer-oliver-noelting-trotzdem-nur-1-100-euro-im-monat-aus-p5/
https://www.hna.de/niedersachsen/niedersachsen-frugalist-hannover-rente-mit-40-minimalismus-lebensstil-sparen-finanzielle-freiheit-91989169.html
https://t3n.de/magazin/frugalismus-prinzip-mit-40-ausgesorgt-interview-252278/
https://www.bwstiftung.de/de/magazin/perspektiven-02-2022/300000
https://www.businessinsider.de/wirtschaft/frugalismus-ich-bin-34-und-muss-nie-wieder-arbeiten-dank-dieser-investments/
https://www.berliner-zeitung.de/archiv/ruhestand-mit-40-die-harte-tour-eines-frugalisten-li.1372733
https://www.diepresse.com/5757380/extremsparer-haben-mit-40-jahren-ausgesorgt
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/sparen-frugalismus-finanzielle-unabhaengigkeit-100.html